Making-of-Präsentation mit Steffen Hacker

Wie man einen Mystery-Thriller besser nicht dreht und dann doch noch rettet.

Trotz des kaum vorhandenen Budgets ist es Steffen Hacker gelungen einen Science-Fiction Film zu schaffen, der international für Begeisterung gesorgt hat. Sein Regie-Debüt Film INGENIUM wurde mehrmals als „Bester Sci-Fi Film“ und die Hauptdarstellerin Esther Maaß drei mal als „Best Actress“ ausgezeichnet. Im Rahmen des Fantasy Film Festes berichtete der Regisseur am 24. September im Metropol Kino in Stuttgart über die Entstehung seines Mystery-Thrillers INGENIUM.

Als Filmenthusiast, Werberegisseur und Visual-Effects-Supervisor der Stuttgarter Firma unexpected verwirklichte Steffen Hacker sich im Jahr 2012 einen Traum, den vermutlich viele Filmfans mit ihm gemeinsam haben – er beginnt die Arbeit an seinem ersten eigenen Spielfilm. Wie Hacker sagt, stellt man sich das immer sehr einfach vor, Filme kritisieren sei ja auch sehr einfach, dann könne Filme machen ja auch gar nicht so schwer sein.

Am Anfang stand die Prämisse einen Film zu schaffen, der möglichst wenig Post-Produktion erfordert, den davon hatte Steffen Hacker in seinem normalen Alltag schon mehr als genug. Doch zu dem Zeitpunkt konnte noch niemand ahnen, dass auch noch Jahre später Stunden am Rechner verbracht werden würden, um Ingenium fertigzustellen. Mit Hauptdarstellerin Esther Maaß finden 2012 erste Filmarbeiten in Bangkok statt, da Hacker dort bereits bei vergangenen Werbungsdreharbeiten Erfahrungen gesammelt hat. Und natürlich ist es dort auch um einiges billiger. In nur wenigen Tagen werden die ersten Szenen aus dem Drehbuch abgefilmt, die Hackers eigene Figuren und Geschichte zum ersten Mal lebendig werden lassen. Doch nach einer Woche Drehzeit und einen Blick auf das Filmmaterial wird klar – das Material ist gut, doch der Rest des Drehbuchs passt überhaupt nicht mehr dazu. Noch in Thailand fällt die Entscheidung, dass sich etwas am Drehbuch ändern muss. Mit der Hilfe von alten Freunden von der Filmakademie soll der Film überarbeitet werden, doch das geht nicht mal eben so schnell. „Also, Drehbuch weg!“ Das gesammelte Material wird Ende 2012 erst einmal auf eine Festplatte verbannt und das Projekt auf Eis gelegt, mit der Hoffnung es irgendwie wieder benutzen zu können.

Einige Monate später bietet sich durch eine Bekannte, die als Opernsängerin im Rahmen einer Aufführung am Berliner Dom tätig ist, die Möglichkeit dort zu filmen. Zwar ist zum Zeitpunkt des Drehs noch nicht klar, wie die Thailand-Szenen angeknüpft werden sollen, doch das wird sich schon noch ergeben und dann auch noch Schnee am Drehtag! Das macht visuell doch immer was her. Die Filmcrew bekommt die Erlaubnis am Ende des Drehtages noch oben auf der Kuppel des Doms zu filmen und durch Zufall fällt ihnen der Generalschlüssel in die Hände. Eine Tür öffnet den Weg aufs Dach über den Dächern von Berlin. Doch durch Schnee und Kälte wären nächtliche Dreharbeiten hier lebensgefährlich gewesen, also muss der Dreh an dieser Stelle vorerst wieder unterbrochen werden.

In den nächsten drei Jahren wird verteilt zwischen Ferien und Urlaub weiter gedreht und gearbeitet. Doch das bringt die üblichen Probleme einer zu kleinen Filmcrew mit sich. Kein Regieassisent, kein Script, kein Mitarbeiter, der auf die Kontinuität achtet. Dadurch warten dann bei der ersten Sichtung des Rohschnitts einige böse Überraschungen auf Hacker. Um sein Material zu retten und die bereits investierte Zeit bestmöglich zu nutzen, muss Hacker auf sein eigentliches Fachgebiet, die visuellen Effekte, zurückgreifen. Also überall wo der Film komisch aussieht, muss nachgeholfen werden. Das können kleine unschöne Details sein, wie zum Beispiel eine unschöne Tür des Krankenhauses. Die meiste Arbeit ist jedoch wesentlich aufwendiger. Bei den Dreharbeiten wurde vergessen die Polizei anzurufen, die laut Drehbuch und Dialog vor dem Fenster parkt? Also muss am Computer ein zufällig quer parkender Springer in ein Polizeiauto verwandelt werden und der Regisseur selbst hinter der Glasscheibe wird durch ein 3D-Modell zum Polizisten. Was 5 Minuten zusätzliche Dreharbeiten bedeutet hätte, resultiert in wochenlanger Arbeit vor dem Rechner.

Weitere Dreharbeiten finden in einem baufälligen Krankenhaus statt. Das bringt den großen Vorteil mit sich, dass das Team kompletten Freiraum hat und drehen und kaputt machen kann, was es will. Der Nachteil allerdings ist, dass durch das große Arbeitspensum und den Zeitdruck zwei der wichtigsten Szenen im Krankenhaus komplett vergessen wurden. Kein Problem, dann geht es halt zurück ins Krankenhaus. Doch zu dem Zeitpunkt ist das Krankenhaus schon abgerissen worden. Anhand von Bildern, die zum Glück jemand während der Dreharbeiten mit dem Handy geschossen hatte, wird dann ein komplettes 3D-Modell des benötigten Raums erstellt, um so ein Blick aus der Überwachungskamera auf ebenfalls grafisch erstellte Überwachungsmonitoren zu projektieren. Mit der eigenen Tochter und einigen Kollegen als Double vor Green- und Blue-Screen werden die animierten Monitore der Überwachungskamera belebt. Zusammengesetzt mit dem eigentlichen Filmmaterial kann so durch sehr viel Arbeit eine der Schlüsselszenen des Films gerettet werden. Durch die Verwendung unterschiedlicher Kameras ist es allerdings unmöglich, die selben Farbtöne wie beim Orginaldreh zu treffen, doch auch das fällt nur auf, wenn man weiß worauf man achten muss. Wie Hacker sagt, würde bei einer so kurzen Sequenz nie jemand so einen hohen Aufwand vermuten, doch es sind gerade die kleinen Details, die im Nachhinein für viel, viel Arbeit sorgen.

Dann fehlen Mitte 2017 nur noch die übrigen Szenen auf dem Berliner Dom. Doch die Jahreszeit, der Schnee im bestehenden Filmmaterial und Beleuchtungen machen zusätzliche Filmarbeiten an anderen Filmlocations unmöglich. Also geht es wieder einmal zurück ins Green-Screen-Studio, praktisch die zweite Heimat des Teams. Eine Brüstung als einzige Requisite, mit den sieben Minuten Filmmaterial aus Berlin und einem 3D-Modell des Berliner Doms entstehen so in sieben bis achten Monaten Arbeitszeit die eigentlichen Filmsequenzen. Und wenn man schon mal dabei ist, kann man die vielen Möglichkeiten der Post-Produktion natürlich auch zu den eigenen Gunsten nutzen. So wird zum Beispiel der Fernsehturm ein wenig verschoben und ist im Film direkt im Hintergrund zu sehen. Der „richtige“ Fernsehturm dagegen ist versteckt hinter einer Säule des Doms.

Mittlerweile sind wir im Jahr 2018 angekommen. Ingenium soll bald auf Filmfestivals präsentiert werden. Doch das ursprüngliche Problem ist immer noch nicht gelöst. Das Filmmaterial aus Thailand passt immer noch nicht in den Film. Da die thailändische Schauspielerin mittlerweile schwanger ist und eine komplette Synchronisation der ehemaligen Szenen zu auffällig, wird altes Filmmaterial mit neuem Filmmaterial von Esther Maaß vorm Green-Screen und Audiomaterial der thailändische Schauspielerin zusammengeschnitten. Im Normalzustand macht es natürlich überhaupt keinen Sinn einen Dialog auf diese Weise zu drehen, doch um die Szene zu retten, um den Film zu retten und die Story logisch zu machen, war das laut Hacker die einzige Chance. Dem Endresultat ist dagegen kaum anzumerken, dass fünf Jahre zwischen den einzelnen Shots liegen und wie viel Arbeit und Aufwand hinter kurzen Szenen im Film stecken können. Die Entstehungsgeschichte hinter Hackers erster Guerilla-Genreproduktion zeigt also nicht nur, wie wichtig Regieassistenten und ein gutes Drehbuch sein können, sondern auch wie viel man heute durch digitale Post-Produktion erreichen kann. Viele Arbeitsstunden hätten natürlich vermieden werden können, doch mit kleinem Budget und einem noch kleineren Team, das den Guerillafilm als passion project neben einem sowieso schon stressigen Berufsalltag gestemmt hat, ist das Ergebnis auf jeden Fall bemerkenswert.

3 Kommentare zu “Making-of-Präsentation mit Steffen Hacker”

  1. Linus sagt:

    Ein toller Artikel zu einem sehr interessanten Vortrag! Der Steffen hat das sehr unterhaltsam vorgetragen. Ich habe selber einmal einen Studentenfilm gedreht und sehr viel Zeit in der Postproduktion verbracht. Ich konnte da ein bisschen mitfühlen, da ich mit besserer Planung mir auch einen Haufen Arbeit hätte sparen können. Schön zu sehen, dass er das ganze mittlerweile mit Humor nehmen kann! Werde mir den Film auf jeden Fall ansehen!

  2. Elena sagt:

    Eine spannende Geschichte zu einem sehr interessanten Thema, grade wenn man sich selbst mit dem Thema der 3D-Visualisierung beschäftigt. Ich hab in dem Fall wirklich sehr viel Respekt vor dem Durchhaltevermögen und der Geduld von Steffen Hacker! Viele andere hätten das Projekt wahrscheinlich einfach fallen lassen.
    Bin auf jeden Fall sehr daran interessiert, den Film zu sehen und auch mal genauer hinzuschauen!

  3. AnnaB sagt:

    Super interessanter Artikel! Ist schon krass, was man alles in der Post-Production noch verändern und richtig biegen kann. Die Technik von heute macht’s möglich… Das hört sich aber auch schon nach einem kleinen und doch sehr langwierigen Abenteuer an. Man müsste sich jetzt den Film mal anschauen und sehen, ob man erkennt, wo hinterher per Computer nachgeholfen wurde.
    Hat mich gefreut zu lesen!

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