Dragon Days 2022:  Rückblick, Ausblick, Dankeschön

Allen, die unsere Veranstaltungen besucht haben, allen unseren Künstlern, allen, die mitgeholfen und allen, die weitergesagt haben, dass wir da sind, allerherzlichsten Dank.  Für Freunde des Fantastischen, Liebhaberinnen des Ungewöhnlichen, Fans des Bizarren, Studentinnen des Postrealen und alle Reinschnupperer in Welten jenseits des Schulatlas war es ein tolles Fest: Dragon Days 2022. Wisst Ihr ja eh, wenn Ihr dabei wart.

 

Und wir machen – auch wenn jeder Wirtschaftsprüfer sagen würde: hört bloß auf damit, sofort! – 2023 weiter. Angespornt vom Spaß, den Ihr als BesucherInnen hatten, den unsere Gäste hatten, den wir als Macher hatten. Wir sind bereits am Planen und versprechen schon mal, dass die Dragon Days 2023 nun nach dem Ende der Corona-Risiken wieder größer werden. Auch sonst haben wir ein paar Überraschungen in petto. Stay tuned.

 

Vorerst eine kleine Zusammenfassung dessen, was 2022 geboten war. Vorsicht beim Weiterlesen: Wir übernehmen keine Risikohaftung, falls Unglückliche, die nicht dabei waren, sich eine Zahnkrone an der Tischkante ausbeißen.

 

 

Jay Kristoff

Fantasy-Starautor Jay Kristoff war auf ganz großer, strapaziöser Europa-Tour. Alle wollten ihn haben, wir als Teil einer ganz kleinen Gruppe Glücklicher haben ihn bekommen. Jay sieht sich ganz authentisch seinen Fans verpflichtet, er mag den Kontakt, Signierstunden sind keine Pflichtübung für ihn. Darum will er das klassische Lese- und Gesprächsformat eigentlich gar nicht haben, will alle Zeit in den Fankontakt investieren. In Stuttgart aber hat er nicht nur in zähneknirschender Verbeugung vor deutschen Veranstaltungsformaten sein Programm geändert. Die Lesung aus „Das Reich der Vampire“ und das Gespräch darüber haben ihm großen Spaß gemacht, begeistert war er vor allem vom Live-Zeichnen von Hanna Wenzel. Und trotz des vollen Programms hat er sich anschließend stundenlang Zeit für alle Fans genommen, für Gespräche, fürs Signieren, für Fotos. Wer seinen neuen Roman, den Auftakt einer Trilogie, noch nicht in die Hand genommen hat, weil er/sie glaubt, das Vampirthema sei, pardon, zu ausgesaugt für eine wuchtige Grim-and-Gritty-Trilogie, sollte das Vorurteil ganz schnell ablegen: Jay Kristoff liefert in „Das Reich der Vampire“ ganz groß ab.

 

 

 

Thomas Olde Heuvelt

Dass eines seiner Bücher wohl eine Streamingserie wird, wie Thomas Olde Heuvelt am zweiten Tag der Dragon Days im Kino Cinema verraten hat, dürfte im englischsprachigen Ausland niemanden verwundern. Dort gilt der niederländische Horrorautor als Großtalent, empfohlen von Stephen King und George R. R. Martin. In Deutschland ist er noch vergleichsweise unbekannt. Eigentlich sollte er also nur eine kleine PR-Tour per Videostream unternehmen. Wir konnten ihn aber zu einem Auftritt live und im Fleische überreden, was sich sehr ausgezahlt hat. Im Cinema gab es ein interessantes Gespräch unter anderem über die Frage, warum wir uns eigentlich nach Literatur sehnen, die uns Angst macht. Wer Thomas Olde Heuvelts Bücher noch nicht kennt, findet zwei leicht unterschiedliche Angebote am deutschen Markt. „Hex“, die Geschichte eines Dorfs, das seit langem mit einer Hexe lebt, balanciert zwischen säurehaltiger Satire und nervenzupfendem Schrecken, könnte auch was für Fans von Disneys Streamingserie „WandaVision“ sein. „Echo“ zeigt für alle, denen steile Bergwelten sowieso suspekt sind, dass dort tatsächlich das Böse haust. Es ist aber auch ein ganz ernster Roman über das Wesen von Beziehungen, Abhängigkeiten und Loyalitäten.

 

 

 

Schön gestaltet sind die Comics aus dem Ludwigsburger Verlag Cross Cult grundsätzlich. Trotzdem war es eine augenöffnende Erfahrung, die Bilder der auf Deutsch bei Cross Cult erschienenen Graphic Novel „Schlachthof 5 oder Der Kinderkreuzzug“ auf der Leinwand des Cinema zu sehen. Doch, doch: Size matters. Der großartige Zeichner Albert Monteys ist aus Spanien zu uns gekommen. Albert hat europäische Sensibilitäten und Einflüsse der franko-belgischen Schule in seine Adaption eines Klassikers der Weltliteratur des 20. Jahrhunderts eingebracht. Dabei erzählt auch Kurt Vonneguts Roman „Schlachthof 5“ von europäisch-amerikanischen Begegnungen, allerdings der furchtbarsten Art. Vonnegut hat hier mit Elementen der Science Fiction, der Groteske, der Satire und des Augenzeugenberichts seine eigenen Erfahrungen als junger Soldat im Zweiten Weltkrieg verarbeitet.

 

Alberts Bericht über die Arbeit an der Umsetzung eines sehr eigenwilligen und längst kanonischen Textes in eine Graphic Novel war so spannend, dass auch Thomas Olde Heuvelt gerne blieb, und so entwickelte sich spontan ein Panelgespräch mit Monteys, Heuvelt und dem „Schlachthof 5“-Übersetzer Matthias Wieland, das erst durch den Schließtermin des Kinos beendet wurde.

 

Tendai Huchu und Vimbai Zimuto

Fantastikverächtern wird es scheinen, als pflege der in Edinburgh lebende Tendai Huchu zwei getrennte schriftstellerische Karrieren: hie seriöse Bücher, da Unterhaltung im Sektor „Young Adult, dystopisch & magisch“. Wie falsch solch eine Zweiteilung von Huchus Schaffen ist, beweist schon die Lektüre seiner aufgeweckten YA-Romane über ein krisengeplagtes Schottland der nahen Zukunft. Noch viel besser hat das aber Tendai selbst am dritten Tag der Dragon Days 2022 vermittelt: Der in Simbabwe Geborene akzeptiert keine Gut-Schlecht-Trennlinien zwischen Weltbeschreibung und fantastsicher Ausschmückung, kritischer Perspektive und Lesespaß, Wahrhaftigkeit und Verfremdung. Das Gespräch mit ihm im Lindenmuseum hat einmal mehr deutlich gemacht, dass derzeit nichts so sehr wie die Fantastik die Chance bietet, in einer lesemüder werdenden Welt Lesefieber zu wecken. In seiner mit „Die Bibliothek von Edinburgh“ startenden neuen Romanreihe spannt Huchu seine junge Heldin Ropa zwischen realistischen Prekariatsverhältnissen und übernatürlichen Übergriffen ein: Ropa arbeitet als Telegrammbotin zwischen Diesseits und Jenseits.

 

Die Kommunikation mit dem Jenseits wird mithilfe einer Mbira hergestellt, eines Daumenklaviers. Dieses Romanelement hat Tendai Huchu den religiösen Überzeugungen und Riten der Shona entnommen. Weil hierzulande nicht jedermann gleich im Ohr hat, wie eine Mbira klingt, haben wir die wie Tendai ursprünglich aus Simbabwe stammende Musikerin Vimbai Zimuto eingeladen. Die aus den Niederlanden Angereiste hat ein faszinierendes Gesprächskonzert gegeben, das auch mal wieder gezeigt hat, was für eine großartige Akustik der Veranstaltungssaal im Lindenmuseum hat. Wir hatten uns den Abend vorab zwar schon schön vorgestellt, aber er übertraf noch unsere Erwartungen. Rundum alle glücklich – nur wir haben wie bei eigentlich allen Dragon-Days-Veranstaltungen das Problem, dass wir dieselben Gäste gleich wieder einladen möchten, obwohl wir doch immer auch Neues bieten möchten. Helft uns, jedes Jahr doppelt so groß wie im Vorjahr zu werden, dann kriegen wir beides hin. 😊

 

G. Wells-Abend im Merlin

Auch wenn der billige Vorwurf, Fantastik sei lediglich feige Realitätsflucht, ewig wiederholt wird: Eigentlich haben ihn schon die Klassiker der Fantastik als Nonsens entlarvt. H. G. Wells etwa, dessen Longseller wie „Die Zeitmaschine“ und „Krieg der Welten“ noch immer akute Fragen aufgeworfen haben: ob die Probleme von heute möglicherweise nur sachte Vorboten der Probleme von morgen sein könnten, ob ein bequemes „Weiter so!“ in sehr unbequeme Katastrophen führen könnte.

Der Zeichner Stefan Dinter, der Sprecher Götz Schneyder und der Musiker und Geräuschemacher Jörg Koch sind ein eingespieltes Team für das, was sie „Sprechtakel“ nennen, Mini-Live-Hörspiele mit Bildspur. Beim Festival haben sie so H. G. Wells‘ „Die Zeitmaschine“ wieder in Gang gebracht, einen Text, in dem ein erfinderischer Viktorianer mit seiner neuesten Erfindung in die Zukunft reist. Dort findet er die Klassengesellschaft in schrecklicher Konsequenz zu Ende entwickelt vor. Dinter, Schneyder und Koch haben nicht nur die Relevanz dieser Spaltungsvision aufscheinen lassen. Sie haben auch gezeigt, wie sich ein Stoff aus seinem Ursprungsmedium frisch und frech in ein anderes –übertragen lässt.

 

Analyse des Multimedia-Phänomens „The Witcher“ im Literaturhaus

Einmal pro Festival mindestens wollen wir auch mal analytisch werden, etwas aufbohren, hin und her wenden, schauen, wie und warum die Uhr tickt. 2022 hatten wir uns dafür das faszinierende, in mehreren Medien entfaltete „Witcher“-Universum ausgesucht. Wir hatten dafür den Medienwissenschaftler und Popkulturexperten Andreas Rauscher eingeladen und vermeintlich alles bestens getimt – von dem gleich nach den Dragon Days aufkommenden Wirbel darum, dass Henry Cavill künftig nicht mehr in der Rolle des Witchers Geralt von Rivia antreten wird, ahnten wir noch nichts. Manchmal verpasst man einfach einen superguten Aufhänger. Andreas Rauscher hat trotzdem einen spannenden Überblick über die Entwicklung von Geralt vom Romanhelden zum Games-Phänomen und Serienstar gegeben. Falls jemand dem Monsterjäger noch nicht verfallen sein sollte: den hat 1985 der polnische Autor Andrzej Sapkowski erfunden. Man merkt rasch, dass hier mehr europäische, vor allem auch osteuropäische Märchen, Mythen und Folklore mitmischen als  in einer typischen US-Produktion.

 

 

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